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Intro - Kochen mit - Deborah Harry (MAGAZIN - ONLINE) - 9th September 2007

Das ganze Skript. So war der Abend. Hier finden Sie alles Gesagte. Nun ja, was man halt so beim Schmatzen heraushören kann. Zu Tisch saßen neben dem INTRO-Team und der Künstlerin noch deren Manager und die Promoterin. Gegessen wurde im Tsao Yang, dem chinesischen Restaurant des Hotel Atlantic Kempinski in Hamburg. Der Service war durchschnittlich, das Essen leider auch. Doch bevor wir uns zum Essen begaben, saßen wir noch in der Lobby auf einen Kaffee zusammen und beobachteten Kiezgröße Karl-Heinz Schwensen am Nebentisch. Das kriegt man nur in Hamburg, dieses Miteinander von Milieu, Pop und 5-Sterne-Welt - Letzteres natürlich mit Absicht getippt, da Schwensen ja im Videoclip zur Fünf-Sterne-Deluxe-Hitsingle 'Dein Herz schlägt schneller' einen Gastauftritt hatte. Aber jetzt: ab mit den geilen O-Tönen.

Stichwort Akupunktur

Ich habe mich schon wegen sehr vieler Dinge akupunktieren lassen. Ich glaube absolut daran, dass es funktioniert. Wenn ich unterwegs bin, dann muss ich leider darauf verzichten, aber zu Hause würde ich mich wegen der Schlappheit, die mich gerade heimsucht, sofort akupunktieren lassen.

Lassen Sie uns über Ihren Status bei den jüngeren Kollegen sprechen. Ich sah gestern einen Mitschnitt eines TV-Auftritts mit Lily Allen. 
Oh, sie ist sehr talentiert. Und auch so professionell. Das wurde morgens um fünf Uhr aufgezeichnet.

Das war Frühstücksfernsehen? Herrje, das sah aber nach Nachmittag aus. Warum tun Sie sich das an? Sie hätten es doch auch aufzeichnen lassen können.
Nun ja, das ist ja eine Daily-Show. Da können die nicht auch noch aufzeichnen.

Aber in den 70ern haben Sie so was nicht mitgemacht, oder? Da haben Sie doch gegen solche Shows bestimmt rebelliert.
Oh doch, ich habe vieles mitgemacht. Aber Sie haben recht: Das ist Folter.

Aber auch irre, dass da so viele Leute schon da waren und so begeistert abgingen.
Und die kamen aus den ganzen Staaten dafür angereist.

Essenbestellung

Ich bin eine normale Esserin. Okay, ich bin schon wählerisch, aber eigentlich esse ich alles, wenn die Qualität stimmt. Gerne Salat und Gemüse. Was ist denn ein Pangasius-Filet?
Oh, ein eher langweiliger Fisch aus dem Indischen Ozean. Ein weißer Fisch.
Oh, einen langweiligen weißen Fisch will ich nicht.

Dafür möchte sie die Zitronengrassuppe, die es allerdings auf der Karte nur im Menü gibt. Aber natürlich bekommt sie sie. Außerdem bestellt sie Jakobsmuscheln mit frischem Ingwer, Salat und Gemüse gibt's zur Seite. Ich nehme Jakobsmuschelsuppe und danach Babysteinbutt. Gedämpft. Mit Reis. Falls das jemanden interessiert. 

Der Manager will einen Bordeaux trinken. Aber nicht irgendeinen, sondern genau den, den er gestern in einem anderen Restaurant des Atlantic hatte. Es wird kompliziert. Unnötigerweise, da er sowieso nicht wie der Checker vorm Herrgott wirkt. Aber am Ende bekommt er, was er will. Schon erstaunlich, wenn die Manager anspruchsvoller als die Künstler sind.

Kochen Sie denn gerne zu Hause?
Manchmal. Aber eigentlich nur, wenn Leute zu Besuch kommen. Wenn es gar nicht anders geht, koche ich auch mal für mich allein, aber das ist mir eigentlich zu langweilig. Und wenn ich Gäste habe, mache ich in der Regel nur Salat, das dauert nicht so lange - und ich esse ihn so gerne.

Aber auf Tour essen Sie schon richtig? Also nicht nur Salat. Da braucht man doch Kraft.
Ist das so? Nun, ich denke, das ist unterschiedlich bei Frauen und Männern. Männer brauchen offensichtlich viel mehr Nahrung. [Sie imitiert eine dunkle Männerstimme, die einem speziellen Mitglied der Blondie-Band gehört.] Die Männer in meiner Band wollen nur essen. Immer. Vor allem Lee, der Bassist. Es ist nicht so, dass er den ganzen Tag übers Essen redet, aber sobald wir im Restaurant ankommen, springt er auf das Essen wie ein Hai auf seine Opfer. Ja, er ist ein Hai!

Nun waren Sie gerade auf Tournee mit Blondie. Spielten vorgestern noch in Amsterdam. Und heute machen Sie schon wieder Promotion für Ihr kommendes Soloalbum. Sie scheinen also noch immer sehr, sehr umtriebig. Zählen Sie eigentlich Ihre Arbeitstage?
[spricht zunächst zu ihrem Manager] Ha, er ist auf meiner Seite. Das gefällt mir ... Es ist eigentlich gar nicht so viel. Das kommt immer schubweise. Das hängt von den Projekten ab, die gerade anstehen. Konstant könnte ich ein Tempo wie gerade nicht immer durchziehen.

Es geht Ihnen also nicht so, dass Sie sich manchmal fragen, warum Sie immer wieder Projekten zusagen?
Oh nein. Ich fühle mich vor allem glücklich, dass ich noch immer so oft gefragt werde. Aber klar, ich sage auch viel ab.

Nun sind Sie schon sehr lange im Geschäft. Haben auch die absoluten Blütejahre der Musikindustrie mitbekommen. Warum tun Sie es sich denn eigentlich 2007 an, ein neues Album auf den Markt zu bringen, wo doch, realistisch gesprochen, klar sein dürfte, dass die Verkäufe allein schon wegen der Marktstruktur nicht annähernd so werden dürften, wie Sie das gewohnt sind. 
Vielleicht gelingt uns das ja doch, dank Ihrer Hilfe.

Jetzt setzen Sie mir aber die Pistole auf die Brust.
Sie haben natürlich recht. Ich bin niemand, der damit zufrieden ist, dass ihm selbst das Album gefällt. Ich will auch Business machen. Ich bin ernsthaft an meinem Produkt interessiert - deswegen will ich auch, dass es gut läuft. Sonst würde ich nicht mit Ihnen hier sprechen, sondern einfach heimgehen.

Das ist eine traurige Gewissheit für mich, aber nachvollziehbar. Kommen wir noch mal auf Lily Allen zurück. Junge Künstlerinnen wie sie starten heute ja unter ganz anderen Voraussetzungen als Sie in den späten 70ern. Sprechen Sie mit ihnen über solche Themen? Werden Sie um Rat gefragt? 
In diesem konkreten Fall hatte ich leider nicht die Chance für ein richtiges Gespräch. Aber ich denke auch nicht, dass sie meine Hilfe braucht. Sie hat ein gutes Management - und sie hat das Business mit ihrer Präsenz ziemlich weggeblasen. Sie hinterlässt Eindruck und wird dementsprechend auch gut verkaufen. Aber was soll ich den jungen Leuten auch erzählen? Dass es nicht mehr so einfach wie früher ist, das wissen die auch selbst. Aber das ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken: Man weiß nie, wie die Dinge sich drehen. Und wenn man das wirklich machen will, wenn man wirklich Künstler sein will, dann hat man keine Wahl. Wenn in der Musik dein Talent liegt, dann lebe das aus. Wenn es das ist, was dich im Leben antreibt, dann musst du diesem Weg folgen.

Schmeichelt es Ihnen denn, dass Sie ein Role-Model für die nachwachsenden Künstlerinnen sind?
Oh ja, sehr. Ich mag auch viele von ihnen. Überhaupt bin ich niemand, der stehen bleibt. Ich liebe es, neue Künstler zu entdecken. Beispielsweise tourten wir mit den Dresden Dolls und The Gossip, die waren beide sehr nett. The Gossip spielten vor zwei Jahren vor uns in Seattle. Da traf ich auch die Frontfrau Beth Gibbons. Sie ist wundervoll. Ach, es gibt immer so viel zu entdecken. Es fällt mir schwer, die Namen abzurufen. Aber ich gehe sehr viel in Clubs und sehe so viele neue Bands.

     


Wirkt sich das auch auf Ihren eigenen Sound aus? Daten Sie sich sozusagen ab?
Eine lustige Sichtweise. Für mich hat der Sound eines Musikers vor allem mit der Art zu tun, wie er spielt, und mit den Instrumenten, die er benutzt. Blondie haben sich aus mehreren Persönlichkeiten heraus entwickelt - und werden sich in diesem Stadium ganz sicher nicht mehr verändern. Aber was mein neues Soloalbum angeht, so sehe ich da schon einige neue, frische Sounds. Es würde ja auch keinen Sinn machen, wenn das Soloprojekt wie die Hauptband klänge.

Kommen Sie denn mit einer genauen Vorstellung ins Studio, oder sind Sie offen für den Input aller anderen?
Das ist unterschiedlich. Manchmal weiß ich genau, wie es klingen soll, dann zieh ich das auch durch. Aber in anderen Fällen bin ich sehr froh, dass es da andere Leute um mich herum gibt, die etwas Gutes beisteuern können. Bei Kollaborationen ist alles drin, von Frustration bis zur absoluten Befriedigung.

Lassen Sie uns mal ein bisschen zurückblicken. Haben Sie noch viel Kontakt zu den anderen Protagonisten der frühen New Yorker Tage? 
Die Zeiten haben sich geändert. Alles ist heute anders in New York. Viele der Leute sind tot. [lacht] Sehr viele von ihnen sind tot. Und es ist nicht leicht, mit Toten abzuhängen. Aber die anderen sehe ich manchmal. Die meisten meiner Freunde sind deutlich jünger als ich. Aber ich habe neulich zum Beispiel Martin Rev von Suicide getroffen. Die machen noch immer interessante Sachen. Ich wurde neulich auch für eine Dokumentation über sie interviewt. Da habe ich gerne mitgemacht. Es war schön, ihn mal wieder zu treffen, ich habe ihn davor bestimmt ein paar Jahre nicht gesehen. Wen ich öfter auf der Straße treffe, ist Richard Hell. Er konzentriert sich heutzutage mehr aufs Schreiben.

Ich weiß. Ich traf ihn vor zwei Jahren in New York anlässlich der Veröffentlichung einer Box mit seinem Gesamtwerk.
Er arbeitet sehr viel an Büchern. Ach, und ich treff natürlich auch Patti Smith häufig. Und die Talking Heads, vor allem David Byrne. Zuletzt vor allem bei den Benefiz-Veranstaltungen für das CBGB.

Ging Ihnen das Ende des legendären New Yorker Clubs, in dem Sie Ihre Karriere gestartet haben, denn ans Herz?
Ich fühlte mich ein bisschen nostalgisch, klar, da kam vieles hoch - sodass man schon ein bisschen traurig ist. Aber andererseits ist es kein Platz mehr, der in meinem heutigen Leben etwas bedeutet. Ab und an hab ich Hilly Kristal, den Betreiber, besucht. Dass wir alle uns involvierten, lag aber eher an der Philosophie, für die das CBGB stand. Der Ort selbst [lacht] war eher ein Loch.

Was halten Sie denn von Kristals Idee, das CBGB nach Las Vegas zu verkaufen und dort wieder aufbauen zu lassen?
Nun, er ist ein Mann mit Ideen. Und er ist ein verdammt guter Verkäufer. Ich weiß nicht, ob ich es mir in Las Vegas anschauen muss, aber ich mag die Idee, dass es dort steht. Es hat etwas Verrücktes.

Sie leben ja noch immer in New York. Viele neigen mit dem Alter dazu, aufs Land zu ziehen. Und ruhiger zu werden. Aber für Sie scheint New York City noch immer sehr zentral zu sein. 
Oh ja. Die Stadt speist meine Kunst. In New York kommt alles zusammen: Hier kann ich meine Freunde sehen, hier gibt es ein aufregendes Nachtleben - es ist die Stadt der Kommunikation. Ich wollte schon als kleines Mädchen in diese Stadt ziehen - ich wusste, dass das mein Platz ist.

Haben Sie eigentlich mal für längere Zeit woanders als in New York gelebt?
Nun, nicht wirklich lange, aber in Los Angeles war ich immer mal wieder für einige kurze, aber dann doch durchaus längere Aufenthalte. Wir sprechen von ein paar Monaten. Und auch in London lebte ich eine Zeit lang. In Chelsea. Ich bin einfach ein Chelsea-Mädchen, ich lebe ja auch in New York in Chelsea. Das war auch alles gut und so in London, aber dann zog es mich doch wieder heim.

Das Essen wird serviert. Alle sind glücklich. Auch wenn der Fisch ohne alles kommt. Und die Promoterin bemängelt, dass ihr niemand gesagt habe, dass Gemüse extra kostet ... 

Haben Sie denn auch viel in Asien gespielt im Laufe Ihrer Karriere?
Ein paarmal in China und Hongkong. Und einmal in Shanghai - das war wirklich ein fantastischer Auftritt. Aber das ist schon lange her, seitdem hat sich so vieles dort verändert, China wächst ja so irre schnell.

Sind Sie jemand, der beim Reisen auch das lokale Essen ausprobiert?
Manchmal bekomme ich meinen Salat nicht, einfach, da es in manchen Ländern keinen gibt, dann muss ich schon was anderes essen. Aber es gibt ja überall Gemüse. Ich muss schon zugeben, dass ich nervös werden kann, wenn ich in fremder Umgebung essen muss. Ich hatte ein paarmal eine Lebensmittelvergiftung, das sensibilisiert einen. Gerade mit Meeresfrüchten muss man sehr aufpassen. Nicht alle Länder haben so konsequente Lebensmittelinspektionen wie Deutschland und die USA.

Es folgen weitere Essensdiskussionen. Wir landen bei Bio-Ernährung:

Das ist vor allem in Kalifornien sehr beliebt. Aber auch mein kleiner Supermarkt in New York hat eine Ecke mit Bio-Gemüse. Die New Yorker entdecken immer mehr die Bio-Hühnchen für sich. Generell halte ich die Qualität der Lebensmittel in New York für sehr gut. Aber lassen Sie uns mal anstoßen.

Ich habe gerade keinen Wein.
Dann bestellen Sie schnell einen.

Gut, aber ich kann bis dahin auch gut simulieren.
Nein, das können Sie nicht.

     


Ich bin aber ziemlich gut im Simulieren.
Nein, nein, nein, das bringt nur Unglück. Man soll nicht mit leeren Gläsern anstoßen. Ach, mein Bordeaux riecht so gut. Nach Erdbeeren - aber er schmeckt nicht zu fruchtig. Das ist gut.

Der Manager meldet sich zu Wort: Ich hatte heute Morgen einen wunderbaren Erdbeersaft. Pur und frisch. Ist das die Zeit für Erdbeeren?

Nein. Absolut nicht.
Manager: Ach, egal, wo sie herkommen, sie sind fantastisch gewesen.

Wo wir gerade über New York gesprochen haben. War es, als Sie anfingen, nicht unheimlich schwer, die Mitte Amerikas zu erobern? 
Ja, für uns schon. Wir repräsentierten ja eine Rebellion. Es war damals sehr schwer, die Radiostationen dazu zu bekommen, unsere Musik zu spielen. Das war eine ganz andere Welt - heute ist die Kommunikation so viel leichter. Und auch das Publikum ist aufgeklärter.

Ja, in der Provinz muss man mehr Kraft aufwenden, um die Leute zu überzeugen.
Und die Leute sind sehr gut darin, dem Druck zu widerstehen. Nicht nur in Amerika. Die Leute mögen es gerne aufgeräumt. Sie fühlen sich wohler, wenn die Dinge um sie herum gewohnt sind. Veränderungen sind nie erwünscht.

Da haben es die heutigen Künstler ausnahmsweise mal leichter. Sie müssen da nicht mehr durch.
Aber sie haben ihre eigenen Kämpfe zu meistern. Wir hatten es ja vorhin schon: Sie müssen eine Industrie meistern, die kaum mehr funktioniert.

Ein Stück auf dem neuen Album handelt von Mel Kim. Ist sie eine Freundin von Ihnen, oder wie kommt das?
Ich habe von dem Verfahren gegen sie gehört, und ich hatte Mitleid. Ich kann ihr Dilemma verstehen: Wenn sie die Wahrheit sagt, verrät sie ihre Freunde; wenn sie lügt, dann bekommt sie Probleme mit dem Gesetz. Sie hat sich dafür entschieden, loyal zu ihren Freunden zu sein - und ging dafür ins Gefängnis. Das war eine sehr harte und mutige Entscheidung. Sie ist also entweder extrem dumm oder aber sie hat ein großes Herz. Genau darüber wollte ich einen Song schreiben.

Denken Sie, dass Sie die richtige Entscheidung getroffen hat?
Ich weiß es nicht. Ich bin nicht der Richter. Ich sehe nur das Dilemma, in dem sie war - und das war ein verdammt großes.

Auch wenn Sie es als normal ansehen, so muss ich doch anmerken, dass ich es beachtlich finde, dass eine 62-jährige Frau das alles noch mitbekommt. 
Aber hallo: Ich bin am Leben. Natürlich bin ich privilegiert, denn es gehört ja irgendwie zu meinem Job, dass ich all das verfolge. Wobei es auch oft genug ein sehr schmerzhafter Prozess ist, die Popwelt zu verfolgen. Aber meistens macht es Spaß. Wissen Sie, Künstler haben eine bessere Antenne für soziale Prozesse als normale Leute. Sie müssen sie haben, da sie aus der sozialen Realität ihre Kunst speisen.

Und das, was Sie daraus machen, interessiert mehr als das Gerede des Kerls in der Bude an der Ecke.
Ja, auch das stimmt. Aber der Kerl in der Bude an der Ecke ist sehr stark. Moment mal: Wer ist der Kerl in der Bude an der Ecke denn überhaupt? Bei mir sind es Russen. Und die sagen meistens nichts. Gibt es in Deutschland auch so viele reiche russische Immigranten? Die Deutschen und die Russen haben ja eine durchaus kritische Beziehung.

Wem sagen Sie das. Wir sind uns dessen sehr bewusst. Aber trotzdem muss es erlaubt sein, die Geschehnisse in Russland kritisch zu kommentieren, wenn es angebracht ist. Es gab da beispielsweise diese Demonstration für die Schwulenrechte, bei der ein Abgeordneter der Grünen, Volker Beck, von der russischen Polizei gemeinsam mit anderen Demonstranten übelst zugerichtet wurde. Und auch unsere Erfahrungen, als wir mit der Redaktion in Moskau waren, prägten das Bild eines wieder erstarkenden totalitären Polizeistaates. 
Oh ja, ich denke auch, dass sie dort große Probleme haben. Die Bürger waren sehr lange in sklavereiähnlichen Verhältnissen. Deswegen ist die ganze Bevölkerung so antiautoritär eingestellt. Und sie hat all die Jahre eine Gehirnwäsche bekommen.

Man fragt sich schon, warum ein Land, das gerade mit Gas und Öl sehr viel Geld macht, es nicht geregelt bekommt, es zumindest etwas gerechter zu verteilen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist dort so riesig. Die Armen haben gar nichts. Die Reichen so unendlich viel. Moskau ist ja derzeit die teuerste Stadt der Welt.
Vielleicht ändert sich das mit der nächsten Generation.

Aber um auf die Frage zurückzukommen: Wir haben viele russische Auswanderer in Deutschland, auch im Kölner Großraum, aber die reichen Russen, die kriegen wir nicht ab. Die sind auf Bali und in Dubai und New York. 
Themawechsel. Lassen Sie uns noch mal über die gerade zu Ende gegangene Tour sprechen: Wo waren denn die letzten Shows?
In Kopenhagen und Amsterdam. Beide waren toll.

Und warum nicht in Deutschland?
Dafür war diesmal keine Zeit. Die Jungs mussten alle heim. Unser Gitarrist, ich nenne ihn Mr Atomic, da er ein Radrennfahrer ist, musste unbedingt zurück, da ein Rennen ansteht. Er repräsentiert dort die Stadt New York für den Staat New York. Als wir unterwegs waren, hat er wie besessen die Tour de France verfolgt.

Dann müssen ihm die Skandale ja das Herz gebrochen haben.
Na ja, so schlimm war es ja nicht. Das passiert doch jedes Jahr.

Aber gestern wurde doch der Spitzenreiter disqualifiziert.
Was, Rasmussen musste gehen? Das ist traurig. Schade, er war so gut! Er sah wie ein Gewinner aus.

Kommen wir zurück zu Ihnen: Vor zwei Tagen bekam ich eine Einladung zum neuen 'Hairspray'-Film. Wie fühlt sich das an, wenn es jetzt schon Remakes zu Filmen gibt, in denen man selbst mitgespielt hat? 
Sehr seltsam. Ich habe ihn allerdings noch nicht gesehen. Mal sehen, wie das wird. Aber das ist generell so ein Problem mit der amerikanischen Filmindustrie: Sie produziert dauernd Remakes, statt die oft viel besseren Originale richtig zu promoten. Warum nicht die Klassiker pushen? Ich meine damit nicht 'Hairspray', ich spreche von französischen Originalen, die mit dem Remake nicht besser wurden.

Es scheint den Amerikanern schwerzufallen, ein Kunstwerk über längere Zeit als geltend anzusehen. Sie müssen es immerzu updaten, ihm einen moderneren Anstrich verpassen. 
Das liegt daran, dass die Studios von Anwälten beherrscht werden und nicht von Kreativen, die auch mal ein Risiko eingehen. Das ist eine hirnlose Industrie. Das Einzige, was sie sehen, ist eine Liste mit Nummern - und dann fängt irgendwas in ihrem Kopf auch schon zu rechnen an.

Sie schauspielern ja auch. Sind denn viele interessante Projekte, die an Sie herangetragen wurden, nicht zustande gekommen, da die Studios zu feige waren?
Aber ja. Die sehen nur Zahlen, Zahlen, Zahlen. Sie nehmen einen großartigen ausländischen Film und ruinieren ihn, indem sie ihn amerikanisieren und kommerzialisieren. Das haben sie nicht nur mit den Franzosen so gemacht, auch mit den Asiaten.

Filme sind in den letzten Jahren ja immer mehr zum zweiten Standbein von Ihnen geworden. Jetzt, wo Sie am Ende einer Tournee sind und die Promo für die Platte gemacht ist: Planen Sie da was Neues? 
Ich filme gar nicht so viel. Wenn mir was Spannendes begegnet, dann mache ich das gerne. Aber ich lege es nicht darauf an.

Dafür ist Ihre Filmografie aber beachtlich.
Gut. Da hat sich was zusammenaddiert, aber ganz ehrlich, so groß ist sie auch nicht, aber ich will schon meinen: ansprechend. Aber jetzt müssen Sie erst mal ohne mich auskommen. Ich mach Pause.

Welcher Film hat Ihnen denn zuletzt gefallen?
Ich kann Ihnen sagen, auf welchen ich gespannt warte: den neuen Abel Ferrara.

Gehen Sie oft ins Kino?
Nicht so oft, wie ich gerne gehen würde, aber schon regelmäßig.

  


Werden Sie denn oft angefragt für Kinorollen?
Da müssten Sie meinen zweiten Manager fragen, ich habe einen für Musik und einen extra für Film. Die streiten immer um mich.

Sind Sie eigentlich an Statistiken interessiert? Wissen Sie, wie viele Konzerte Sie im Verlauf Ihrer Karriere gespielt haben?
Nein. Aber es werden viele gewesen sein. Wie sollte ich es herausfinden? Sicherlich, viele wurden aufgezeichnet, aber alle ...

Vielleicht ein verrückter Fan.
Das stimmt. Im Internet findet man ja alles. Aber das sind eher die aktuellen Fans, die sind nicht alt genug, um eine komplette Liste zu erstellen.

Gibt es denn so was wie eine Lieblingsshow?
Oh, da gab es über die Jahre so viele besondere Nächte. Ich denke, ich kann das eher über die Venues beantworten. Es gibt gewisse Konzertorte, die haben eine eigene Stimmung, beispielsweise das Paradiso in Amsterdam. Ich müsste jetzt auf eine Liste mit Venues schauen, aber davon gibt es einige ... In Edinburgh haben wir mal in einem alten Schloss gespielt, es regnete in Strömen und war auch so richtig kalt, und trotzdem waren 6.000 Leute gekommen und hatten eine großartige Zeit - das kommt auch auf die Bühne an.

Ja, so sind die verrückten Briten. Wir Deutschen sind für so was zu verweichlicht.
Ihr würdet nicht kommen?

Nun ja, wenn wir betrunken genug wären, schon. Aber generell eher: nein. Die Briten sind das ja auch gewohnt. Ich sage nur Glastonbury - da regnet es ja jedes Jahr, und trotzdem kommen sie alle immer wieder. 
Ja, jedes Jahr steht das Wasser höher. Da braucht man eine dicke Haut. Aber die Engländer laufen ja auch im Winter ohne Pullover rum. Verrückt.

Das ist halt eine Frage der Sozialisation. Wenn man früh genug damit anfängt, wenn einem niemand sagt, dass das nass und kalt ist, dann denkt man auch nicht, dass es irgendwie falsch ist. Oder halt kalt. 
Genau. Die Leute, die draußen arbeiten, werden auch nie krank, ganz einfach, da sich der Körper daran gewöhnt.

Ausgehen in Hamburg

Sie fragt nach dem Hamburger Nachtleben. Ich empfehle ihr generell den Golden Pudels Club als die politisiertere, linkere und toughere Variante des CBGB. Sie hakt nach, es geht ihr um den heutigen Tag. 

Wohin könnte man denn heute Abend gehen?
Meinen Sie das ernst, oder ist das eher so eine rhetorische Frage, um die Unterhaltung auch jetzt, wo wir kurz vor der Nachspeise sind, am Laufen zu halten? 
Ganz ehrlich. Letzte Nacht habe ich darüber nachgedacht, noch rauszugehen. Jetzt nicht ins Nachtleben, sondern einfach nur spazieren.

Das hört sich auch besser an. Sie sind hier ja an der Binnenalster. Soweit ich als Ortsfremder das richtig weiß, ist das hier schön zum Spazieren. 
Denken Sie nicht, dass ich überfallen werden könnte?

Nein, nein. Nicht in dieser Gegend. Oder wollen Sie es riskant? Ich bin mir sicher, dass man das auch schon buchen kann. Ich habe vor zwei Tagen einen Artikel gelesen über ein Abenteuercamp nahe der mexikanisch-amerikanischen Grenze, da kann man sich von Schleppern den Thrill geben lassen, wie es nachts an der Grenze zugeht. 
Oh ja, man kann sich heute jedes Gefühl kaufen. Das ist seltsam.

Wir sprechen über die Bilder im Atlantic. Die kommen alle von Lindenberg. Ich spreche sie darauf an, da ich nicht verstehen kann, dass das Atlantic all diese hässlichen Bilder aufhängt. Aber sie, ganz Amerikanerin, findet sie modern und irgendwie reizvoll und ist irritiert, dass ich sie einfach nur scheußlich finde. Aber sie hat wohl nur Angst davor, sich gegen den Trend zu positionieren - auch wenn es hier gar keinen gibt. 

Dann geht es auch schon wieder um Essen. Der Nachtisch steht an. Sie nimmt ein Dessert. Weist aber darauf hin, dass sie das nicht jeden Tag mache. Apfelsorbet soll es sein. 

Wir sprachen ja vorhin über neue Marktstrategien. Was sagen Sie denn zu Prince, der im britischen Guardian gerade erst sein Album gratis beigelegt hat? 
Er hat in den letzten Jahren ja schon einige eher ungewöhnliche Strategien probiert. Er scheut sich nicht, unbequem zu sein in seinem Kampf gegen die tradionelle Musikindustrie. Und warum soll er so was auch nicht tun? Er hat ja nie behauptet, dass er der Retter der Musikindustrie sei. Wie viel hätte das Label denn ausgeben müssen, um ihn bei 2,8 Millionen Briten wieder präsent zu machen? Eben. Gerade heute, wo Plattenfirmen einem selten zwei Singles, Videoclips und ein gutes Werbesetting gönnen, erscheint das doch als sinnvoller Weg.

Ein Gast kommt unnd fragt nach einem Autogramm. Wir wollen ihn wegtreten und sie schützen. Aber sie zeigt sich nett.

Ich sammle auch Autogramme. Ich frage die Leute danach.
Aha. Das ist aber eher ungewöhnlich für Stars. Und als Punk lehnt man doch Autogramme auch ab, oder? Wir haben doch immer gegen die Aufteilung zwischen Bühne und Publikum gekämpft. Sind Sie eigentlich eine Sammlerin, was die eigene Karriere angeht? 
Das hat mich nie besonders interessiert. Aber nachdem ich lange mit einem Fotografen zusammengelebt habe - das war, als ob ein Kurator in mein Leben getreten wäre -, hat sich das geändert. Sie wollen alles immer nur sichern, dokumentieren. Das war ein neues Konzept für mich. Und es hat mich überzeugt. Und heute denk ich mir: Hätte ich doch früher angefangen. Mir fehlen so viele Bilder ...

Aber das Gute an einem Leben in der Mitte der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit ist doch, dass einem andere diesen Job abnehmen. Es muss doch ganze Archive mit Aufnahmen, Bildern und Berichten zu und über Sie geben? 
Sicher. Das stimmt. Aber normalerweise heben Leute solche Sachen nur eine bestimmte Zeit auf, und dann schmeißen sie sie weg. Oder aber Bilder tauchen immer gerade dann, wenn man sie nicht mag, wieder auf. [lacht]

Der Nachtisch kommt. Es folgt kulinarisches Geplänkel. Dann geht sie ins Bett. Der Manager öffnet seine Seele und erzählt Geschichten aus einer anderen Epoche, von Meat Love und Mötley Crüe, alles Acts, die er managt. 

Text: Thomas Venker
Foto: Rainer Holz

Link: Intro - Kochen mit - Deborah Harry (MAGAZIN - ONLINE) - 9th September 2007


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